Kritik an Revision Schreibregeln Lokalnamen

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Rothbühl / Roopel

Rotbühl oder Roopel ?


Vorliegendes Kapitel versteht sich als konstruktive Kritik am bisherigen Vorgehen der Revision und als Anregung für das weitere Vorgehen. Die Probleme müssen grundsätzlich angegangen werden. Es genügt nicht, nur punktuell einzelne Schreibregeln zu betrachten.


Die Benutzer von Lokalnamen als Geoinformation konnten bewirken, dass die Regeln für die Schreibweise von Lokalnamen Weisungen 1948 nicht in Regeln für lautnahe Mundartschreibung verändert wurden, sondern als Weisungen 2011 erhalten geblieben sind.


Vorgehen 1945 - 1948 bei der Etablierung von Schreibregeln

Vor 1948 bestanden noch keine schweizweiten Schreibregeln für Lokalnamen. Bei der Etablierung der Weisungen 1948 fand im Vorfeld eine breit abgestützte, sehr heftige und sehr lange dauernde Diskussion und wissenschaftliche Auseinandersetzung zur Problematik statt. Die Eidgenössische Vermessungsdirektion wollte ähnlich wie dies das Bundesamt für Landestopografie tat, Schreibweisen mit lautnaher Mundart einführen. Namhafte Sprachwissenschafter und Benutzer nahmen an dieser Auseinandersetzung teil und sprachen sich gegen die Regeln mit lautnaher Mundart aus. In der Stellungnahme der Schaffhauser, verfasst vom späteren Regierungsrat Hermann Wanner, steht zu lesen: Ohne Benützung phonetischer Zeichen wird es nie gelingen, der reichen Vielfalt der Mundart gerecht zu werden mit all den Vokalen, Umlauten, verschieden ausgesprochenen Konsonanten und auch der Betonung. So wird auch eine konsequente Mundartschreibung in den Karten in jeder Hinsicht unbefriedigend sein, weil es den einen zu weit geht und unverständlich bleibt und den Verfechtern der Mundartschreibung doch wieder nicht genügen kann. Der berühmte ETH Professor für Kartografie Eduar Imhof hatte sich sehr für eine Kompromisslösung zwischen dem Bund und Sprachwissenschafter/Kartografen eingesetzt, welche auch heute noch Gültigkeit haben muss.

Interessant ist auch festzustellen, dass sich im Laufe der Zeit die Haltung der Landestopografie und der amtlichen Vermessung verändert haben vgl. dazu auch Problematik der vertikalen Harmonie, wo sich Landeskarte und amtliche Vermessung gegenseitig berühren


Vorgehen heute bei der Revision von Schreibregeln

Die Schreibweise von Flurnamen in Karten und Plänen ist eine komplexe Angelegenheit. Bei Änderungen von Schreibregeln dürfen nicht nur die Schreibregeln isoliert betrachtet werden, sondern es muss projektmässig vorgegangen und das gesamte Umfeld berücksichtigt werden:

  1. Ausgangslage und Rahmenbedingungen
    1. Zweck von Lokalnamen, hohe zeitliche Stabilität, Namen nicht ändern
    2. Aufarbeitung geschichtlicher Hintergründe 1945/1948, welche zu den Weisungen 1948 geführt hatten
    3. Auflistung allfälliger Mängeln der Weisungen 1948
    4. Vorhandene kantonale Schreibregeln
    5. Gebrauch von amtlichen Lokalnamen im schriftsprachlichen Umfeld
    6. Lese- und Schreibgewohnheiten der Bevölkerung, allgemeine Akzeptanz
    7. Abgrenzung Schreibweise auf Karten und Plänen - Namenbuch
  2. Ziele
    1. Interessen und Bedürfnisse der Gemeinde, Kantone, Bund, Öffentlichkeit, kulturelle Aspekte usw.
    2. Harmonie
      1. Vertikale Harmonie (muss)
      2. Harmonie innerhalb von Namen (Zwitterbildungen, unterschiedliche Ansätze)
      3. Lokale Harmonie zwischen Namen in Anlehnung an Schriftsprache sowie an Mundart (Anliegen Weisungen 1948)
      4. Harmonie zwischen Namen innerhalb einer Region oder innerhalb eines Kantons (wird von den Kantonen angestrebt)
      5. Harmonie Schweizweit (überhaupt möglich?)
  3. Lösungsvorschläge
    1. Berechtigte Revisionspunkte in den Weisungen 1948 im Gesamtumfeld
    2. Umsetzungskonzept für vertikale Harmonie (muss)
    3. Interessenkonflikt Stabilität der Namen versus horizontale Harmonie (regional/CH)
    4. Kosten
  4. Breit abgestützte Diskussion und Konsensfindung


Mängel in den Weisungen 1948?

Es fehlen plausible und konkret dokumentierte Gründe für eine Umstellung von der gemässigten auf lautnahe Mundartschreibweise. Aus Sicht der Benutzer bestehen kaum Mängel in den Weisungen 1948. Einfach zu behaupten, es gäbe in den Weisungen 1948 Mängel und Widersprüche und man wolle Zwitterbildungen vermeiden, genügt nicht für die Etablierung von neuen Regeln (Leitfaden Toponymie) mit einer solchen Tragweite. Behandlung von Zwitterformen vgl. hier


Umdeutung «Anlehnung an ortsübliche Sprechform«

In den Weisungen 1948 heisst es: «Für die Festlegung der Schreibweise ist von der ortsüblichen Sprechform, nicht von der Etymologie oder einer herkömmlichen Schreibung auszugehen». Daraus abzuleiten, dass ortsüblich als lautnah zu verstehen ist, ist aus folgenden Gründen abzulehnen:

  1. Es wird von der ortsüblich Sprechform ausgegangen im Gegensatz zur Etymologie oder einer herkömmlichen Schreibung
  2. An keiner Stelle in den Weisungen 1948 wird von lautnaher Schreibweise gesprochen!
  3. Die Grundsätze und Regeln in den Weisungen 1948 sprechen nicht für eine lautnahe, sondern eine gemässigte Mundartschreibweise
  4. In Protokollen und Publikationen von 1947/1948 wird ausdrücklich davon gesprochen, dass in den Weisungen 1948 keine lautnahe Schreibweise verwendet wird


Für eine lautnahe Schreibweise wird argumentiert, dass es im Grundsatz 1 der Weisungen 1948 heisse, dass die «Namen von den Einheimischen ohne weiteres verstanden» werden sollen. «Eine Schreibform ohne weiteres verstehen» heisst jedoch nicht, eine Schreibform so lautnah gewählt wird, dass sie der lautgetreuen Aussprache einer älteren («bodenständigen») Bevölkerung entspricht.


Da in Anlehnung an die ortsübliche Sprechform nun als lautnahe Schreibweise interpretiert wird, wird einfach behauptet, dass die Weisungen 1948 Mängel und Widersprüche aufweisen, welche mit Leitfaden Toponymie ausgemerzt werden sollen. Dabei ist davon auszugehen, dass in den Weisungen 1948 kaum Mängel und Widersprüche existieren, wenn in Anlehnung an die ortsübliche Sprechweise im Sinne der Erfinder verwendet wird und die bestehenden Regeln für eine gemässigte Schreibweise so belassen werden, wie sie sind (dies mag wohl ein Grund dafür sein, dass die Mängel nie dokumentiert wurden). Der Grund dürfte allenfalls eher darin liegen, dass die Empfehlungen von Eduard Imhof gewissen Sprachwissenschaftern unsympathisch sind, wie Eduard Imhof 1948 selber darauf hingewiesen hat.


Nichtbefolgung der Weisungen 1948

Aus Benutzersicht bestehen Probleme auf den heutigen Karten und Pläne nicht wegen angeblichen Mängel in Schreibregeln Weisungen 1948, sondern da dieser Regeln z.T. nicht beachtet wurden und da Veränderungen von Orts- und Flurnamen ohne ein Gesamtkonzept erfolgten. Der Grund für die Nichtbefolgung der Weisungen könnte darin liegen, dass gewisse Sprachwissenschafter Lokalnamen nicht mehr als Instrument zur Orientierung und Verständigung wahrgenommen haben, sondern als Instrument für das Namenbuch. Leider wurden in gewissen Nomenklaturkommissionen die Interessen der Benutzer für pragmatische und nachhaltige Namen zuwenig vertreten. vgl. dazu auch Presseartikel Pfannenstiel oder Pfannenstil


Kritik gegenüber Mundart?

Die Kritik gegen die Revision der Schreibweise von Lokalnamen richtet sich keineswegs gegen die Mundart. Es geht lediglich darum, dass Mundart sinnvoll geschrieben wird, nämlich pragmatisch, wo möglich und sinnvoll in Anlehnung an das Schriftbild der hochdeutschen Schriftsprache, wobei bekannte Namenwörter aus der Schriftsprache übernommen werden sollen. Die Weisungen 1948 erfüllen diese Anforderungen sehr gut.

Auch in der Mundartliteratur machen sich gerade MundartliebhaberInnen für eine sinnvolle Schreibweise breit, so z.B. Trudi Christen, einer begeisterten Leserin von Mundartliteratur.


Zitat von Trudi Christen, in Artikel «Äuä» Seite 11 in Rückblick und Ausblick – Die Bubenberg-Gesellschaft 1999, 2000: Unser Wunsch wäre Dialekt geschrieben in Anlehnung an das Schriftbild der hochdeutschen Schriftsprache. Ein leserfreundlicher Druck! Den Lesern und dem Dialekt zuliebe!


weitere Betrachtungen über Standardsprache und Dialekt vgl. hier


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